Kann die Kommission das Abkommen trotz des Gerichtshofs starten?
Am 22. Januar 2026 — einen Tag nach der Abstimmung des Europäischen Parlaments — berichtete Reuters, dass die Kommission die vorläufige Anwendung des EU-Mercosur-Abkommens ab März anstrebt. Ein EU-Diplomat bestätigte: Die Ratifizierung durch den ersten Mercosur-Staat — voraussichtlich Paraguay — reiche aus.
Das Problem: 334 Abgeordnete stimmten soeben dafür, das Abkommen vom EuGH prüfen zu lassen. Kann die Kommission es anwenden, bevor sie eine Antwort hat?
Der Einsatz: geschätzte 4 Milliarden Euro jährlich an Zolleinsparungen.
Wie funktioniert die vorläufige Anwendung?
Das EU-Mercosur-Abkommen ist ein gemischtes Abkommen — es umfasst sowohl ausschließliche EU-Kompetenzen (Handel, Zölle, Dienstleistungen) als auch geteilte Kompetenzen (Investitionen, politische Zusammenarbeit).
Die Kommission hat das Abkommen in zwei Instrumente aufgeteilt:
- Interim Trade Agreement (ITA) — ausschließliche EU-Kompetenz → erfordert Zustimmung von Rat und EP
- EU-Mercosur Partnership Agreement (EMPA) — gemischt → erfordert Ratifizierung durch nationale Parlamente
Die vorläufige Anwendung betrifft nur das ITA.
Artikel 23.3 des Abkommens:
'This Agreement may be provisionally applied. Such provisional application may take place between, on the one part, the European Union and, on the other part, one or more of the Signatory MERCOSUR States in accordance with their respective internal procedures.'
Artikel 218(5) AEUV sieht vor, dass der Rat — auf Vorschlag des Verhandlungsführers (der Kommission) — einen Beschluss über die Unterzeichnung und gegebenenfalls die vorläufige Anwendung fasst.
Zwei Rechtsschulen
Kommission und Befürworter:
- Art. 218(11) AEUV bezieht sich auf das „Abschließen" eines Abkommens, nicht auf die vorläufige Anwendung
- Die EuGH-Verweisung blockiert die Ratifizierung, nicht die vorläufige Anwendung
- Präzedenzfall: Das EU-Korea-FTA (2011) und CETA mit Kanada (2017) wurden vorläufig angewendet, bevor die volle Ratifizierung abgeschlossen war
- Art. 23.3 sieht ausdrücklich die vorläufige Anwendung mit einem oder mehreren Mercosur-Staaten vor
Kritiker:
- Ein Abkommen vorläufig anzuwenden, das gleichzeitig auf seine Vertragskonformität geprüft wird, wäre rechtlich und politisch riskant
- Sollte der EuGH Unvereinbarkeit feststellen, wäre die Rückabwicklung kostspielig und kompliziert
- Es wäre ein Signal, dass die Kommission das Parlament missachtet
Sabine Weyand, Generaldirektorin der GD Handel, versicherte dem EP, die Kommission „beabsichtige nicht, das Parlament zu umgehen". Die vorläufige Anwendung schloss sie jedoch nicht aus.
Deutsche Perspektive: Merz drängt
Bundeskanzler Merz hat sich klar positioniert: Die Bundesregierung hält das Abkommen für rechtmäßig und fordert die vorläufige Anwendung unabhängig vom EuGH-Verfahren.
Für die deutsche Wirtschaft sind die Zahlen eindeutig. Der ACEA schätzt 4 Milliarden Euro jährliche Zolleinsparungen — ein großer Teil davon entfällt auf deutsche Autohersteller und den Maschinenbau. Die Zölle auf PKW-Exporte (derzeit 35 %) und Maschinen (14-20 %) sollen über 15 Jahre stufenweise abgebaut werden.
Am 29. Januar debattierte der Bundestag in einer Aktuellen Stunde. CDU/CSU und SPD übten scharfe Kritik am Abstimmungsverhalten der deutschen Grünen im EP — ein seltener Schulterschluss, der zeigt, wie stark das wirtschaftliche Interesse am schnellen Start des Abkommens ist.
Nächste Schritte
| Schritt | Wer entscheidet | Status |
|---|---|---|
| Vorschlag für vorläufige Anwendung | Europäische Kommission | In Vorbereitung |
| Zustimmung des Rates (QMV) | 27 Mitgliedstaaten | Rat genehmigte Unterzeichnung am 9. Januar (21-5) |
| Zustimmung des EP | Europaabgeordnete | Unsicher — EP verwies an EuGH |
| Ratifizierung durch mind. 1 Mercosur-Land | Nationale Parlamente | Argentinien: Abgeordnetenkammer stimmte am 13. Februar zu |
Was kommt als Nächstes?
Wenn die Kommission rechtliche Grundlage sieht — und der Rat zustimmt — kann die vorläufige Anwendung im Frühjahr 2026 starten. Die ersten Zollsenkungen auf Autos, Maschinen und Industriegüter würden greifen.
Wartet die Kommission auf ein Signal des Gerichtshofs — etwa die Schlussanträge des Generalanwalts — sind 6-12 Monate Verzögerung realistisch.
Gibt die Kommission dem politischen Druck nach und wartet auf das volle EuGH-Gutachten, verschiebt sich die vorläufige Anwendung auf 2027-2028.
Für die deutsche Exportwirtschaft zählt jeder Monat.
Quellen: Reuters (22.01.2026), Euractiv, Politico.eu, Deutschlandfunk, Bundestag.de, Haufe.de. Abkommen: Art. 23.3. AEUV: Art. 218(5), Art. 218(6), Art. 218(11).
“This Agreement may be provisionally applied. Such provisional application may take place between, on the one part, the European Union and, on the other part, one or more of the Signatory MERCOSUR States in accordance with their respective internal procedures.”
— Chapter 23 - General and Final Provisions, Article 23.3
